Letzter Januarsonntag 2026, gegen 12:45 bei etwa 3 Grad minus rechts vom Jourhaus in der Gedenkstätte Dachau. Wir sind etwa 40 Teilnehmer beim Dachau-Schönstatt-Begegnungstag im Umkreis des 20. Januar, des Tages im Winter 1942, als P. Josef Kentenich, NS-Gefangener in Koblenz, die Möglichkeit verstreichen ließ, dem Konzentrationslager zu entgehen. Freiwillig. Weil er radikal auf die Solidarität mit seiner Gründung setzte, weil er überzeugt und bereit war, seine äußere Freiheit für die innere Freiheit der Bewegung und jedes einzelnen Mitgliedes einzusetzen. —
Die Begegnung in Dachau beginnt mit dem persönlichen Begrüßen, viele kennen sich. Dann folgt die offizielle Begrüßung durch Schwester Elinor Grimm. Wir hören ein Wort, vorgetragen von Anton Pfaffenzeller über die Freiheit, ein Wort von Pater Josef Kentenich für die Schönstattfamilie der Diözese Augsburg, gesprochen in Memhölz am 7.9.1967, ein Wort von Viktor Frankl aus dem Buch „Trotzdem ja zum Leben“.
Dem Wind trauen, im Sturm glauben – das Jahresmotto 2026 der deutschen Schönstatt-Bewegung stand über der Einladung zum Dachau-Schönstatt-Begegnungstag am Sonntag, 25.01.2026.
Die Sixtinische Madonna in der Lagerkapelle
Ein Bild der Sixtinischen Madonna befand sich in der Lagerkapelle des KZ Dachau über dem Altar. Wie das Bild dorthin kam? „Im Mai 1943 ließ Stadtpfarrer Pfanzelt der Kapelle ein Madonnenbild zukommen. Ein farbiger Druck der sixtinischen Madonna von Raffael (1483-1520) in der Größe von 98 x 71 cm. Sie wurde auf der Rückwand der Kapelle (Westseite) angebracht“ – so beschrieben von Thomas Kempter in seiner Diplomarbeit aus dem Jahr 2005, die sich in den Beständen der Gedenkstättenseelsorge Dachau befindet.
Pater Josef Fischer, einer der Schönstätter Häftlinge in Dachau, berichtet in seiner Dachau-Chronik davon: „Sie, in den Himmel aufgenommen, ist in einem Bild im KZ.“ Und er schreibt/meditiert weiter: „Vielleicht haben wir – in Schönstatt – später einmal die Gelegenheit, viele Einzelglieder unter dem Stichwort Geringfügigkeit der Werkzeuge, Größe der Schwierigkeiten, Größe des Erfolges und Sieges in die Beweiskette einzufügen. …“ (Dachau-Chronik II. Teil, S. 15)
Auf der Lagerstraße dem Bündnis auf die Spur kommen: So der eine Weg, den eine Teilnehmer-Gruppe durch die KZ-Gedenkstätte ging. Ein Bild der Sixtinischen Madonna im KZ Dachau… Pater Kentenich entfaltet in seinen Montagabendgesprächen 1956 mit Familien in Milwaukee, was das heißt: „Liebesbündnis mit der Gottesmutter“.
„Weil nun der liebe Gott unsere sinnenhafte Natur kennt, hat er gleichsam die Gottesmutter auf die Erde heruntergelassen. Und er wünscht, dass wir ein Liebesbündnis mit ihr schließen. So nimmt er Rücksicht auf die Sinnenhaftigkeit unserer Natur. … Verstehen Sie jetzt, was das heißt, das Liebesbündnis mit der Gottesmutter (ist) eine Sicherstellung des Liebesbündnisses mit dem Vatergott? Wie wollen wir sinnenhaften Menschen zu dem abstrakten, jenseitigen Vatergott gelangen ohne ein Zwischenglied?“ ( Montagabendgespräche 1956, S. 86)
Und in einem späteren Gespräch, in dem Pater Kentenich vom 20.1.1942 und seinem geistlich-geistigen Ringen an diesem Tag spricht, wiederholt er: „Die Gottesmutter ist auch eine Wirklichkeit. … Das Bündnis ist eine Wirklichkeit.“ (Montagabendgespräche S. 103) … Also nicht nur die bevorstehende Einlieferung und Haft im KZ Dachau.
Wenn Schönstätter einander begegnen
Bei einem anderen Halt auf der Lagerstraße zwei ganz reale, konkrete Beispiele, wie dieses Bündnis mit dem Himmel erfahrbar wurde. Schon am 14.3.1942, also unmittelbar nach der Ankunft P. Kentenichs in Dachau können er, Pater Eise und Pater Fischer auf der Blockstraße plaudern. Dabei tauschen sie gegenseitig Neuigkeiten aus. Schon kommt Bündnis-Atmosphäre auf, ein offenes ‚Aufeinander zu‘ inmitten einer brutalen Welt des ‚Aneinander vorbei‘ und des ‚Gegeneinander‘ – oft roh und voller Gewalt.
Pater Kentenich musste wie andere KZ-Gefangene in der Stube des Zugangsblocks barfuß gehen. Die Holzpantinen, die die Häftlinge draußen trugen, mussten in einem Schuhfach abgestellt werden. So bittet er die Gottesmutter um Pantoffeln. Am nächsten Tag erhält er welche. Er meint dazu: „Nun schau doch einmal, wie die Gottesmutter mir selbst kleine Bitten erfüllt, jetzt habe ich sie gestern um Pantoffeln gebeten, heute kommen sie.“ (Dachau-Chronik I.Teil, S. 8)
Die andere Teilnehmergruppe, geführt von Schwester M. Elinor Grimm, machte sich auf den Weg ins Museum/Raum 7 mit Infofahnen zu Geistliche im KZ Dachau und zu Linz, Schloß Hartheim und den Invalidentransporten von Dachau dorthin. Schwester Elinor stellte einige KZ-Gefangene – Dr. Edi Pesendorfer und Vikar König sind zwei davon – vor. Ein Besuch beim MTA-Relief im Gedenkraum schloss sich an. Dann ging deren Weg auch über die Lagerstraße zur Kirche des Karmel zu unserer Eucharistiefeier.
Wir sind Volk Gottes
In der Predigt führte uns Pater Riedel über das Wort (Jes 9,1) aus der ersten Lesung –
„Das Volk, das im Dunkel lebt, / sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, / strahlt ein Licht auf …“ – hinein in den Anlass, der uns heute in die KZ Gedenkstätte Dachau führt: Die doch auch dunkle, finstere Situation Pater Kentenichs in den Tagen des 20.1.1942. Er entschied sich damals, menschliche Hilfe nicht anzunehmen, um vor einer KZ-Haft bewahrt zu bleiben.
Was bewegte und was half Pater Kentenich eine solch schwere unbegreifliche Entscheidung zu treffen? „Ein inneres Licht, eine Gewissheit, eine Verheißung leitete ihn.“ Mit einem Sprung in unsere Gegenwart öffnet Pater Riedel uns Zuhörern den Blick auf eine Verheißung: Er zitiert aus einem Interview mit dem gerade geweihten Wiener Erzbischof Josef Grünwidl: „Ich definiere die Kirche nicht in erster Linie über Probleme, Defizite, über Statistiken und Strukturen, sondern über die biblische Verheißung. Und die besagt: Wir sind Volk Gottes.“
Mit einer Verheißung leben, mit dieser Verheißung leben – das tat unser Gründer im KZ Dachau, ohne die Realität – die Realität der Bedrohung – und ohne die Realität der Übernatur auszublenden … Pater Riedel schließt mit dem Wunsch, auch wir mögen Träger dieses Lichtes, dieser Verheißung werden, auch wenn wir uns äußerlich klein und zerbrechlich angesichts der Weltlage („Geringfügigkeit der Werkzeuge“) fühlen. Uns innerlich frei fühlen, so frei, dass wir dem Wind trauen können, auch im Sturm.
Wir sind bereit für stürmische Verhältnisse
Musikalisch schwungvoll gestaltet wurde unsere Eucharistiefeier von Ehepaar Hellmich, Schrobenhausen. Es wurde förmlich spürbar: wir gehen mit der Zusage als Volk Gottes in einem Bündnis unterwegs zu sein. Wir sind bereit für stürmische Verhältnisse. Herzlichen Dank an unsere beiden Musiker.
Im Gesprächsraum der Evangelischen Versöhnungskirche fanden wir uns zu einem lebhaften und inhaltlich anregenden Austausch und gemeinsamem Ausblick zusammen.
Festzuhalten davon ist: Es soll auch 2027 wieder einen Dachau-Schönstatt-Begegnungstag am Sonntag nach dem 20.1. geben. Format und Design für diesen kommenden Begegnungstag liegt als Aufgabe vor uns. Für Programm, Vorbereitung und Durchführung wird eine neue kleine Vorbereitungsgruppe gebildet werden.
Beitrag: Ilse Keßler
Fotos: Arnulf Rausch





